Jüdisches Leben im Mittelalter
Schon im Mittelalter lebten vereinzelt Juden in Kempten, nachweislich ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. 1373 erhielt die Stadt von Kaiser Karl IV. das Recht des Judenschutzes für sechs Jahre, doch ab 1401 gab es vorübergehend keine jüdischen Einwohner mehr.

Erst 1409 wurde mit Lazarus wieder ein Jude als Bürger aufgenommen, und auch 1414 sind jüdische Einwohner belegt. Ab 1561 war die Ansiedlung von Juden in Kempten endgültig untersagt. Trotz dieses Verbots erhielt der jüdische Hoffaktor Seligmann Mayr aus Ansbach 1692 die Erlaubnis, sich mit seiner Familie im Fürststift Kempten niederzulassen. Er war zu diesem Zeitpunkt etwa 44 Jahre alt und lebte zuvor in Ansbach, wo er 1667 erwähnt wurde. 1675 bestand sein Haushalt aus seiner Frau Bele, ihrem zweijährigen Sohn Isaac, einem Neffen, einem Knecht und einer Magd. In Kempten beantragte er Schutz, das Niederlassungsrecht und eine Handelskonzession, um das Stift mit Waren wie Tuch und Lebensmitteln zu versorgen. Er wollte zudem in seinem Haus einen Betraum einrichten, da die nächstgelegenen jüdischen Gemeinden weit entfernt lagen. Um die erforderliche Mindestzahl von zehn männlichen Juden für Gebete zu erreichen, plante er, jüdische Gäste aufzunehmen. Zudem bat er um das Recht, koscheren Wein und nach jüdischem Ritus geschlachtetes Fleisch konsumieren zu dürfen sowie Geld zu üblichen jüdischen Zinssätzen zu verleihen.

Der Fürstabt genehmigte seinen Antrag in allen Punkten und stellte ihm einen zehnjährigen Schutzbrief aus. Mayr bewohnte ein stiftseigenes Haus in der später als „Judengasse“ bekannten Straße. Seine Ansiedlung hätte eine jüdische Gemeinde im Stift begründen können, doch sein früher Tod 1698 verhinderte dies. Sein Sohn Isaac trat seine Nachfolge nicht an, und die Familie verschwand aus den Stiftsunterlagen. Mayr hatte zwar eine Stellung als jüdischer Hoffaktor, doch wohl mit geringerem Einfluss als andere Hofjuden in Ostschwaben. Zeitweise besaß er das Tabakmonopol, das jedoch im 18. Jahrhundert an andere stiftische Untertanen weitergegeben wurde.

Jüdisches Leben im 19. Jahrhundert
Erst Mitte des 19. Jahrhunderts durften sich Juden in der Stadt wieder niederlassen. Einer der ersten in Kempten war der im Jahr 1856 zugezogene Bataillonsarzt David Ullmann. 1869 kamen drei Bankiers aus Osterberg nach Kempten. Es folgten Kaufleute und ein Theaterdirektor.